Baufachzeitung

23.04.2017

Hochbau + Rohbau

Aufzugtechnologie für Bestandsgebäude

Aufzüge in älteren Gebäuden fallen oft vergleichsweise klein aus. Eine neue Aufzugtechnologie erlaubt es nun, im Rahmen eines sogenannten Komplettaustausches deutlich größere Kabinen zu installieren. Auch die Verlängerung der Anlagen in bislang nicht erschlossene Etagen ist möglich – ein Stück Barrierefreiheit für Bestandsgebäude.

Ein typischer Fall: Der Bau ist in die Jahre gekommen, er soll modernisiert werden und der Aufzug gleich mit, der mit Kinderwagen oder Rollstuhl kaum genutzt werden kann. Die Vorteile für Eigentümer und Nutzer? Mehr Komfort, mehr Zuverlässigkeit und die barrierefreie Erschließung des Gebäudes.

Im Zuge der Modernisierung eines Wohn- und Geschäftshauses in Herrenberg tauschte KONE die alte Anlage gegen einen neuen NanoSpace-Aufzug aus. Im Vergleich zur Altanlage bietet der neue NanoSpace eine um 41 Prozent größere Kabine. Der Aufzug kann auch von Rollstuhlfahrern genutzt werden.

Vor diesem Hintergrund entscheidet sich die Eigentümerin des Wohn- und Geschäftshauses in der Herrenberger Bahnhofstraße gemeinsam mit ihrem Architekten für einen KONE NanoSpace, der speziell für den Komplettaustausch konzipiert wurde. Er ermöglicht, in bestehenden Schächten deutlich größere Kabinen einzusetzen.

Größere Kabine, barrierefreie Erschließung
Tatsächlich wächst die Kabinengrundfläche im Vergleich zur Altanlage Baujahr 1977 von 1,06 auf 1,5 m2 und damit um 41 Prozent, sodass nun auch Rollator und Rollstuhl Platz in der Kabine finden. Damit einhergehend verdoppelt sich die Beförderungskapazität von 300 kg (4 Personen) auf 630 kg (8 Personen), die statt mit 0,8 nun mit 1,0 m/s transportiert werden können.

Wichtiger aber ist der Raumgewinn: Die Kabinenbreite wächst von 100 auf 107 cm, die Kabinentiefe von 106 auf 140 cm. Die lichte Türbreite beträgt wie zuvor 80 cm. Damit erreicht die Kabine zwar nicht ganz die Vorgaben der Barrierefrei-Norm DIN EN 81-70, dennoch kann die Anlage, anders als zuvor, von Rollstuhlfahrern genutzt werden. „Das ist vor allem für die Patienten der chirurgischen Praxis im ersten Obergeschoss wichtig“, sagt Architekt Eberhard Gutmann.

Doch auch die Bewohner der obersten Etage profitieren. Da der NanoSpace keinen Maschineraum mehr benötigt, kann er bis in das zweite Obergeschoss verlängert werden: Der bisherige Maschinenraum wird zur Haltestelle umgebaut. So sind alle Etagen des Gebäudes barrierefrei zu erreichen.

Kone Aufzug NanoSpace

Neu: das hybride Antriebssystem
Die Konstruktion des NanoSpace, der Anfang 2014 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, weist einige grundlegende Neuerungen auf. So wird erstmals in der Aufzugtechnik der frequenzgeregelte, entsprechend energieeffiziente Antrieb von der Aufhängung getrennt: Gehalten wird die Kabine zwar von Stahlseilen, bewegt aber wird sie von Zahnriemen, die auf der Unterseite des Fahrkorbs befestigt sind.

Dabei erfolgt die Fahrbewegung immer über Zug: für die Abwärtsfahrt am Fahrkorb selbst, für die Aufwärtsfahrt an den zwei seitlichen Ausgleichsgewichten, die über die Stahlseile mit der Kabine verbunden sind.

Kone Aufzug NanoSpace

Die Riemen selbst werden durch den Antrieb bewegt, der in der Schachtgrube platziert ist; seine Befestigung erfolgt indirekt über die Wandhalterungen der Führungsschienen. Der Schaltschrank für die zugehörige Steuerungstechnik wird im Bereich der untersten Haltestelle installiert, zum Beispiel in einem angrenzenden Kellerraum. So kann der Maschinenraum anderweitig genutzt werden.

Die Platzierung des NanoSpace-Antriebs in der Schachtgrube hilft überdies, Geräuschbelästigungen zu minimieren oder ganz zu vermeiden. Denn oft grenzen die Aufzugschächte in Altbauten mit ihren eher dünnen Wänden an Schlafzimmer und andere schutzbedürftige Räume.

Kone Aufzug NanoSpace

Das aus Seilen und Riemen bestehende, daher hybride Antriebssystem verbindet neben Kabine und Antrieb also auch die beiden erwähnten Ausgleichsgewichte, die das herkömmliche Gegengewicht ersetzen. Die Gewichte bewegen sich seitlich im Schacht und sind für die Traktion nicht notwendig. Diese wird bereits durch das Ineinandergreifen der Zahnriemen mit der Treibscheibe am Antrieb sichergestellt (formschlüssige Verbindung).

Raumeffiziente Konstruktion
Obwohl doppelt vorhanden, nehmen die beiden Ausgleichsgewichte im Vergleich zum herkömmlichen Gegengewicht wenig Raum ein. Das schafft Platz für größere Kabinen. So lautet die Faustformel: Schachtbreite minus 2 x 150 mm = NanoSpace-Kabine. Die 2 x 150 mm werden für Ausgleichsgewichte, aber auch Schienen und Halterung benötigt. Eine weitere Optimierung ist nach Schachtaufmaß möglich.

Kone Aufzug NanoSpace

Anderes wirkt sich ebenfalls raumsparend aus: der Wegfall des seitlich im Schacht platzierten Antriebs, dazu die Konstruktion der Schachttüren: Mit vier statt zwei Flügeln sind sie im geöffneten Zustand nur noch unwesentlich breiter als die Kabine.

Alles zusammengenommen ergibt sich rechnerisch eine bis zu 50 Prozent größere Kabine. Die konkreten Werte hängen vom jeweiligen Schachtquerschnitt ab, sie liegen aber, wie das Beispiel Herrenberg zeigt, in ähnlicher Größenordnung.

Bei einer weiteren Anlage, diesmal mit sechs Haltestellen, die 2015 in einem Stuttgarter Hotel installiert wird, wächst die Kabine um 37 Prozent. Auch sie ist damit barrierefrei – wiederum nicht nach Norm, aber in der praktischen Nutzung. Und auch hier zeigt sich eine Leistungssteigerung bei deutlich geringerem Verbrauch: Befördert die Altanlage Baujahr 1981 maximal 320 kg (6 Personen) mit 0,65 m/s, bewältigt der neue Aufzug bis zu 450 kg (6 Personen). Dabei sinkt die Leistungsaufnahme von 5,5 auf 4,6 kW.

Noch in einem weiteren Punkt gleichen sich das Stuttgarter Hotel und das Haus in Herrenberg: Da das Gegengewicht der Altanlage jeweils gegenüber vom Kabinenzugang liegt, wächst die Kabinenfläche stärker in der Tiefe als in der Breite. Liegt das Gegengewicht der Altanlage hingegen seitlich, ist der Zuwachs in der Breite größer.

Neue Sicherheitssysteme
Derzeit gelten für neue Aufzüge vier (!) Regelwerke: die DIN EN 81-1/2 und die DIN EN 81-20/50. Mit Blick auf die ab September 2017 alleinig gültigen Euronormen EN 81-20/50 wurde für die Schachtgrube ein Sicherheitssystem entwickelt, das den Schutzraum von 2.000 mm Höhe unabhängig von der minimal 800 mm tiefen Grube sicherstellen kann. Öffnet der Techniker die Schachttür mittels eines Dreikants, wird ein Sicherungsbolzen in Nähe der Führungsschienen ausgeklappt, der im Ernstfall die Fangvorrichtung auslöst.

Für die Sicherung des Schutzraums im Schachtkopf wurde auf bewährte Technik zurückgegriffen: manuell aufstellbare kontaktgesicherte Sicherheitsstützen. So wird eine minimale Schachtkopfhöhe von 2.900 mm erreicht.

Hohe Leistung
Der NanoSpace deckt mit Vmax 1,0 m/s, 240 bis 630 kg Nennlast, bis zu 16 Haltestellen bei maximal 40 m Förderhöhe und mit der Möglichkeit, ihn als Zweiergruppe zu betreiben, ein breites Spektrum von Anlagenmodernisierungen im Wohn- und Geschäftshaussegment ab.

Das ist durchaus dringlich. Immerhin ist schätzungsweise mehr als die Hälfte aller Aufzüge in Deutschland älter als 20 Jahre und daher technisch überholt. Mit raumeffizienter Aufzugtechnologie jedoch ergeben sich für Architekten und Betreiber neue Möglichkeiten, mehr Nutzen aus der allfälligen Anlagenmodernisierung zu ziehen.

Thomas Lipphardt

Über den Autor
Thomas Lipphardt wurde 1960 in Kassel geboren, studierte Maschinenbau an der FH Gießen und arbeitet seit 1985 in der Aufzugbranche. Seit 2008 betreut er beim Aufzughersteller KONE als Manager Technische Regelwerke den Normenbereich. Lipphardt ist Mitglied verschiedener Richtlinienausschüsse von DIN und VDI.

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